FOLLOW-UP: Interview mit Marcel Moonen über Hybrid Artefacts
Interview: Kunstsektor/Manuel Schmid, Mai 2026
In einem exklusiven Follow-up Interview mit Kunstsektor.ch gibt Marcel Moonen einen Update zu seiner Arbeit im PEP der Technischen Universität (TU) Berlin und wie diese seine künstlerische Tätigkeit beeinflusst.
Das erste Interview von 2024 finden Sie hier zum Nachlesen.
Marcel Moonen @ PEP TU Berlin, 2025
Kunstsektor: Marcel, seit unserem ersten Interview 2024 sind fast zwei Jahre vergangen. Was hat dich am meisten überrascht auf deinem weiteren Weg mit KI und Kunst?
Marcel Moonen: Ehrlich gesagt haben mich nicht nur die Outputs überrascht, sondern der Herstellungsprozess selbst. Ich bin mit der Erwartung gestartet, dass KI mir hilft, bestimmte visuelle Ideen umzusetzen. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass der Moment des Scheiterns - den nicht komplett perfekt gedruckten 3D-Objekte, die halluzinierten Formen, die eigentlich unbrauchbaren generierten Bilder etc. - zum eigentlichen Kern des Materials werden würden. Die Maschine zeigt am meisten von sich, wenn sie versagt.
Kunstsektor: Du hast damals über KI als "kreativen Partner" gesprochen - fühlt sich das heute immer noch so an?
Marcel Moonen: "Partner" klingt zu symmetrisch. Es ist eher wie ein sehr eigenartiges Material, das eine eigene Logik hat, die ich nicht vollständig kontrollieren kann und auch nicht will. Ich glaube jetzt weniger an KI als "kreativem Partner" und mehr an KI als Medium im Sinne Walter Benjamins; es trägt Spuren, es transformiert, es ist nicht neutral.
Reproduktion des Experiments mit Zeichnungen von Hermann Finsterlin (1887 - 1973) und Friedrich Kiesler (1890 - 1965).
Vom originalen Bleistiftentwurf zum künstlichen 3D-Modell, mithilfe Künstlicher Intelligenz.
Kunstsektor: Kannst du uns einen konkreten Moment beschreiben, wo dich ein Ergebnis wirklich überrascht hat?
Marcel Moonen: Als ich abstrakte Zeichnungen (von mir sowie von den Architekten Finsterlin und Kiesler) durch meinen Stable-Diffusion-Workflow geschickt habe, kam etwas zurück, das ich nur als "strukturelle Wiedererkennung" beschreiben kann. Eine Form, die nicht mehr die Zeichnung selbst war, die aber dennoch ihr formales Prinzip enthielt. Das zeigt, dass bestimmte strukturelle Invarianten eine Transformation überleben, dass also etwas in einer Form steckt, das über das Medium hinausgeht. Genau das ist der Kern meines Forschungsthemas.
Die fertigen 3D-Modelle, welche durch den Künstler mittels 3D-Drucker hergestellt wurden. Marcel Moonen - 3D-Modelle, 2026.
Marcel Moonen - 3D-Modelle, 2026
Kunstsektor: Wenn wir dir heute bei der Arbeit zuschauen könnten - wie sieht dein Workflow wirklich aus?
Marcel Moonen: Er beginnt immer mit einer menschlichen Zeichnung - ohne Vorlage, ohne Plan. Diese Zeichnung dient als Instruktion. Ich arbeite mit ControlNet und kalibriere die Parameter bis an die Grenze des Möglichen. So weit, dass die Struktur der Zeichnung erhalten bleibt, aber etwas Neues entsteht. Von dort aus läuft der Prozess durch einen eigens programmierten und automatisierten Workflow. Dann weiter, mithilfe generativer 3D-Tools, in die dritte Dimension. Modellierung, manuelle Nachbearbeitung und schliesslich 3D-Druck. Der Hybride Artefakt wandert durch Medien. Und jeder Übergang hinterlässt etwas, er verändert die Form, ohne sie aufzulösen. Das Artefakt befindet sich in stetiger Bewegung, denn die Unvollständigkeit ist kein Mangel, sie ist das Wesen des Gegenstandes.
Marcel Moonen - Handskizze zu einem Modell, 2024
Kunstsektor: Wie viel Kontrolle brauchst du - und wann lässt du bewusst los?
Marcel Moonen: Ich brauche genug Kontrolle, um zu verstehen, wie etwas passiert. Aber ich lasse bewusst los an den Schwellen zwischen den Medien. Diese Übergänge kann ich nicht kontrollieren, das ist genau der Moment, wo etwas Interessantes entsteht. Würde ich alles kontrollieren, wäre es nichts weiter als eine uninteressante Illustration meiner eigenen Vorannahmen.
Kunstsektor: Hat KI deinen Stil verändert oder nur erweitert?
Marcel Moonen: Ich denke lieber in Begriffen wie "Sichtweise" als "Stil". Stil klingt nach Oberfläche, Sichtweise hingegen meint etwas Tieferes. Und in diesem Sinne hat KI nichts Neues in mich hineingebracht. Es hat vielmehr sichtbar gemacht, was schon immer da war - unbewusste Formvorstellungen, die zum Beispiel in meiner Handzeichnung bereits enthalten waren, aber unter der Oberfläche geblieben sind. KI hat sie ans Licht gebracht.
Kunstsektor: Was ist der rote Faden, der sich durch alle deine Arbeiten zieht?
Marcel Moonen: Was steckt in einer Form, das über das Medium hinausgeht? Wo ist so etwas wie eine Essenz zu finden? Was bleibt erkennbar, wenn eine abstrakte Zeichnung zu einem 3D-Objekt wird? Was geht verloren, was tritt hervor? Diese Fragen lassen sich nicht endgültig beantworten, aber in dieser Spannung liegt das Interessante. Daher der Titel "Artificial ∼ Nature", welcher für diese Oszillation steht. Das ist der rote Faden.
Kunstsektor: Du hast in unserem ersten Interview darüber gesprochen, digitale Formen auch physisch umzusetzen - ist das inzwischen passiert?
Marcel Moonen: Ja, es gibt 3D-gedruckte Objekte, die auf Basis generierter Bilder von völlig fiktiven Gegenständen entstanden sind. Die ersten Versuche sind jedoch gescheitert, da organische Formen mit vielen Überhängen drucktechnisch sehr anspruchsvoll sind. Aber auch das gehört zum Prozess. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die richtige Arbeitsweise gefunden hatte, um diese Formen selbst drucken zu können, aber jetzt läuft die Maschine.
Kunstsektor: Was geht verloren - oder vielleicht auch was kommt dazu - wenn etwas plötzlich physisch real wird?
Marcel Moonen: Das Digitale hat keine Schwerkraft, das Physische schon. Wenn ein Objekt im Raum steht, verändert es die Wahrnehmung des gesamten Korpus. Es wirft Schatten, es hat Gewicht, es altert, es verändert sich je nach Blickrichtung. Das Physische bekommt zurück, was das Digitale strukturell nicht haben kann - einen Zustand.
Auch wenn ich dasselbe Modell mehrfach drucken kann, ist jeder Druck ein anderes Objekt. Es gibt minimale Abweichungen im Material, in der Oberfläche, und jedes Werk wird anschliessend auch manuell nachbearbeitet. Das digitale Bild ist das Reproduzierbare, das gedruckte Objekt ist das Einmalige, oder zumindest das Singuläre.
Marcel Moonen - Innenansicht eines Modells, 2025
Kunstsektor: Was hat in deinem Projekt nicht so funktioniert, wie du es erwartet hast?
Marcel Moonen: Die Vorstellung, dass sich der gesamte Prozess bis ins Detail als linearer Workflow etablieren lässt. Jeder Schritt verändert jedoch die Parameter für den nächsten Schritt, der durch persönliche Präferenzen gesteuert werden muss. Das ist gleichzeitig das Schöne und das Frustrierende daran.
Kunstsektor: Was reizt dich gerade am meisten - technologisch oder künstlerisch?
Marcel Moonen: Merkwürdig ist die Haltung, die ich in etablierten Kreisen immer wieder erlebe. Eine krampfhafte Ablehnung von KI, oft von Leuten, die diese Werkzeuge selbst nie ernsthaft genutzt haben. Die Kritik, "KI sei oberflächlich, beliebig und eine Bedrohung für echte Kreativität", kommt häufig, basiert aber selten auf eigener Erfahrung.
Kein Architekt würde CAD ablehnen, ohne je damit intensiv gearbeitet zu haben. Und als die Fotografie erfunden wurde, prognostizierten viele das Ende der Malerei, stattdessen hat sich die Malerei neu erfunden.
Neue Werkzeuge verschieben das Spielfeld. Das war immer so. Was mich wirklich interessiert, ist nicht die Frage, ob KI in der Kreativität berechtigt ist, sondern wie. Wie verändert dieses Werkzeug den Denkprozess? Was kann man damit ermöglichen, was vorher nicht möglich war? Diese Fragen kann man nur beantworten, wenn man wirklich experimentell damit arbeitet.
Marcel Moonen @ PEP TU Berlin, 2025
Kunstsektor: Wenn wir in fünf Jahren nochmal sprechen - was glaubst du, hat sich bis dahin komplett verändert?
Marcel Moonen: KI ist kein Werkzeug, das lediglich Ideen ausführen kann. Vielmehr kann sie Ideen provozieren. KI zwingt uns, anders zu denken, öffnet Denkräume, die zuvor nicht existierten, und zeigt Wege auf, die ohne KI nicht entstanden wären. Die banale Bemerkung "das hat KI gemacht" werden wir hoffentlich dann nicht mehr hören. KI verändert, welche Fragen wir stellen können, welche Formen wir uns vorstellen können, welche Zusammenhänge wir sehen werden. Eine fundamentale Erweiterung des kreativen Denkens selbst.
Kunstsektor: Eine letzte Frage zum Schluss: Woran arbeitest du aktuell? Woran arbeitest du morgen?
Marcel Moonen: Aktuell arbeite ich an der Fertigstellung meiner Publikation "Hybrid Artefacts: Transforming Abstract Drawings into Generated Architecture". Darin fasse ich meine gesamte PhD-Forschung zusammen.
Die Publikation wird durch eine Serie von 3D-gedruckten Modellen, Zeichnungen, Bildern und einem Video präsentiert, die den Transformationsprozess vom abstrakten Handzeichnen bis zum physischen Objekt erfahrbar machen. Parallel dazu leite ich zusammen mit Prof. Dr.-Ing. Martin Roth das Seminar "Artificial ∼ Nature: Thinking Through the Machine" an der TU Darmstadt. In diesem Seminar erfahren Studierende, wie sie KI als Werkzeug im gestalterischen Prozess einsetzen können, und entwickeln dabei einen kritischen Blick auf diese Technologie.
Die Grundlage dafür ist die Expertise, die ich der eigenen PhD-Forschung erworben habe.
Kunstsektor: Vielen Dank für das Gespräch.
Der zeitgenössische Künstler und Architekt Marcel Moonen (geb. 1984) lebt und arbeitet in der Schweiz.
In seiner Arbeit verbindet er Kunst, Architektur, Wissenschaft und Philosophie mit einem Schwerpunkt auf der Didaktik des kreativen Lernens und der Technologie.
2018 Gründung von Super Abstraction.
Marcel Moonen arbeitete und/oder lebte in Madrid, Brüssel, Amsterdam, Rotterdam, Eindhoven, Maastricht, Lelystad, Berlin, Mailand, Paris, Aarau und Zürich.
Längere Aufenthalte in Extremadura, Warschau, Uruguay.
Mehr Infos: marcelmoonen.com
